Heftiger Trockenrausch


Gestern hatte ich einen Trockenrausch, welcher ziemlich heftig ausgefallen ist.

Angefangen hat dies mit einer unscheinbaren Bemerkung in einer geschäftlichen E-Mail. Diese habe ich dem Absender sehr krumm genommen, obwohl die Bemerkung objektiv gesehen relativ harmlos war.

Der Kontext war der, daß das Vorgehen meines Kollegen mir viel Arbeit bereitet hätte, und ich sagte, es gäbe schon genug zu tun. Mein Kollege hat objektiv einen guten Vorschlag gemacht.
Ich schrieb zurück, mehr Arbeit bedeutet für mich irgendwann nur noch reaktives Handeln. Er schrieb zurück, reaktives Handeln sei normal, Chaos ist nur ein Thema der Planung. Das habe ich sofort auf mich bezogen und als mangelnden Respekt vor meiner Arbeit und mir selber gesehen. Was also unter (vermeintlicher) Attacke war, war mein Selbstwertgefühl. Meine Arbeit wurde nicht mal kritisiert, es war ja eine allgemeingültige Aussage.

Ich geriet darauf hin in einen emotionalen Ausnahmezustand. Ich fuhr einen extremen, mentalen Film und reagierte mit destruktiven Emotionen. Was Abläuft, ist letzten Endes Gewalt; ich reagiere mit Selbstmordgedanken bzw. Mordfantasien. Also völlig unangemessen – und gestört.

Natürlich habe ich mich schlecht dabei gefühlt und auch meine Machtlosigkeit gegenüber diesem inneren Zustand gespürt. Ich habe mich daraufhin, nachdem der Zustand ca. zwei Stunden andauerte, in mein Auto gesetzt. Ich versuchte mich zu beruhigen und habe zu meiner Höheren Macht gebetet, sie möchte mich von diesem Albtraum erlösen.

Letzlich habe ich mich dann immer mehr beruhigt und bin dann abends zu meinem Treffen der Anonymen Alkoholiker gegangen und das Erlebnis thematisiert. Dort kannten meine A.A.-Freunde das Problem ja, welches bei den Anonymen Alkoholikern als Trockenrausch bezeichnet wird.

Ich habe geteilt und nach dem Meeting noch mit meinem Sponsor gesprochen. Der hat mir eine andere Perspektive aufgezeigt, wofür ich dankbar bin. Es wäre ein zeichen, daß es mit meiner Genesung voran ginge.

Witzigerweise habe vorher zwei Telefonat mit einer Person geführt, die mich beide Male als Idioten bezeichnete. Das hat mir nicht das geringste ausgemacht, ich bin ruhig und sachlich geblieben (und emotional nüchtern).

Obwohl ich fast sechs Monate trocken bin, leide ich als Alkoholiker immernoch unter einem gestörten Denken und Fühlen. Es ist letztlich Selbstsucht, Narzissmus, Egoismus der im Trockenrausch bei mir zum Tragen kommt.

Zum Glück habe ich nicht zur Flasche gegriffen.

Froh bin ich ausserdem, das meine (harmlose) Antwort, die ich per E-Mail schickte, aufgrund eines Tippfehlers nich ankam.

Die Lehre: Im Trockenrausch besser die Füße stillhalten. Und nicht trinken.

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